Wohn(t)raum
seit der ersten Stunde

Barbara und Reiner Schütze sitzen Seite an Seite in ihrem Wohnzimmer in der Brösestraße. Ein Bild, wie es das wahrscheinlich jeden Tag seit über 40 Jahren gibt. Nur, dass sich Kleinigkeiten in der Kulisse ändern mögen – die Farben, die Möbel, die Bilder an den Wänden. Was aber immer gleich ist, ist der Ort, an dem das Paar lebt. „Ihr“ Block ist einer der ersten im Quartier – und  Barbara und Reiner zählen zu den Mietern der ersten Stunde.

Am 17. Mai 1979 sind sie in die Platte gezogen. „Auf die rechte Seite, dritte Etage“, erinnert sich Barbara Schütze. Für die Familie mit zwei Söhnen der perfekte Neubeginn in Brandenburg.

Für Reiner Schütze stand fest: Pendeln ins Eigenheim nach Wenzlow wird auf Dauer einfach zu anstrengend. „Ich habe im Tiefbaukombinat gelernt und gearbeitet, sechs Jahre lang um 5 Uhr das Haus verlassen und war um 18 Uhr wieder zuhause“, schildert er. Seine Frau merkte dort zudem: „Ich bin kein Mensch fürs Dorf.“

Ihr Mann bewarb sich im Brandenburger Plattenwerk. „Sie haben mir versprochen, mir innerhalb eines Jahres eine Wohnung zu besorgen“, erzählt er. Gesagt, getan: Die Schützes schauten sich den noch im Bau befindlichen Block in der Brösestraße an und bekamen tatsächlich eine der heiß begehrten Neubauwohnungen am Stadtrand. „Das war wirklich ein Highlight und man hatte das Glück. Sogar mit Zentralheizung!“, erinnert sich Barbara Schütze. „Zu der Zeit konnte uns nichts Besseres passieren. In der Stadt waren ja furchtbare Zustände“, fügt ihr Mann hinzu.

Nur kurze Zeit später zog die junge Familie ein. So wie viele andere, schließlich hieß es bei Belegung der Wohnungen: Familien bevorzugt! „Teilweise waren hier 21 Kinder im Block“, erinnert sich Reiner Schütze. Für die Kinder ist das toll gewesen, erzählt seine Frau. Die hatten immer jemanden zum Spielen, schlossen viele Freundschaften.

Zweieinhalb Zimmer, 60 Quadratmeter, die „gewohnte“ Tapete: Das war Schützes neues Reich, wie auch das all ihrer Nachbarn. Obwohl:… diese Tapete „war eigentlich Verschwendung“, erinnert sich Reiner Schütze lachend. „Den meisten hat sie nicht gefallen“ und sei dementsprechend oft schnell beseitigt worden. Bei Schützes blieb sie zunächst. Die Veränderungen kamen erst mit der Zeit.

Während die Söhne der beiden heran wuchsen, wuchs auch das Viertel. „Als wir hergezogen sind, war alles noch Baufläche. Der Block stand, aber ringsherum noch Sandwüste“, erinnert sich Barbara Schütze.

Sie arbeitete damals als Helferin in der nahe gelegenen Kita, während ihr Mann seiner Arbeit im Plattenwerk nachging. Die Jahre gingen ins Land, die Wende kam. Der einstige Wohn(t)raum der DDR büßte an Attraktivität ein. Viele zogen weg. Für die Schützes kam das nicht in Frage. „Ich komme vom Dorf. Ins Stadtzentrum wollte ich nicht“, begründet Reiner. „Anfangs konnte man hier noch den Wald sehen“, sagt er und seine Frau ergänzt: „Das Grün ist nicht weit“. Ausflüge in eben dieses Grün sind heute für die beiden noch immer an der Tagesordnung. Dann werden die Klappstühle ins Auto verfrachtet und es geht raus.

Rauskommen, so machen sie klar, ist aber auch sonst reibungslos in Hohenstücken möglich. „Hier fährt alle zehn Minuten eine Bahn“, sagt Reiner Schütze. Und die Einkaufsmöglichkeiten sind prima, bestärkt seine Frau.

Die Schützes blieben in Hohenstücken und wollen bleiben. Im Stadtteil und in der Platte. Als sie tatsächlich an Umzug dachten, weil das Treppensteigen für die beiden zu anstrengend und die Wohnung unter dem Giebel ihnen zu kalt wurde, ergriffen sie eine ungewöhnliche Chance. Zwei Etagen tiefer, auf der gegenüberliegenden Seite, wurde in ihrem Haus eine Wohnung frei. „Derselbe Grundriss, nur seitenverkehrt.“ Das Paar zog 2010 um. „Wir mussten die Wohnung letztendlich nur runterbringen. Das war ganz toll, wir brauchten keinen Möbelwagen“, erzählt Reiner Schütze schmunzelnd.

„Sie haben uns hier alles gemacht“, freut sich der 71-Jährige zudem. Die WBG erneuerte die Fußböden, flieste das Bad, Schützes entschieden sich für eine Dusche statt Badewanne. Auch die Heizungen und Rohre sind mittlerweile erneuert. Ebenfalls ein Vorteil ihrer Wohnsituation, finden sie. „Es konnte uns nichts Besseres passieren, als in einer Genossenschaft zu sein“, meint Barbara. „Wir sind gut aufgenommen, sie kümmern sich und machen. Das ist super hier.“

Das Paar fühlt sich wohl auf den neu gemachten 60 Quadratmetern. Vormals zu viert, nun zu zweit: Wie ging das damals eigentlich mit dem Platz? „Da staune ich heute noch“, meint Reiner Schütze. „Aber die Größe stand uns ja nur zu. Natürlich war es ein bisschen eng“. Die Eltern hatten zugunsten ihrer Kinder auf ein großes Schlafzimmer verzichtet und zogen in den kleinsten Raum.

Heute ist dieser kleine Raum das Reich von Barbara Schütze. Schließlich ist Platte auch das – flexibel nutz- und gestaltbar. „Das möchte ich nicht missen“, sagt die 70-Jährige und begründet schmunzelnd:  „Schon allein wegen des unterschiedlichen Abend-Fernsehprogramms.“

Die Schützes haben es sich sichtbar bequem gemacht auf ihren 60qm DDR. Und das seit mehr als 42 Jahren. Wegziehen kommt für die beiden nicht in Frage. Denn hier haben sie alles, was sie brauchen – bezahlbaren, komfortablen Wohnraum, ihr Zuhause.

Flexibel nutz- und gestaltbar: Einst als Kinderzimmer gedacht, von Schützes als Schlafzimmer genutzt, ist der kleinste Raum in der Wohnung heute das Reich von Barbara Schütze.

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