Ein Hauch Südafrika in Hohenstücken

Die Wohnung von Lutz Dieckmann steckt voller Erinnerungsstücke. Das ist der schwere, dunkle Wohnzimmertisch. Da ist der außergewöhnlich schöne Vitrinenschrank. Da sind die mit Stoff bezogenen Lampen und viele,– auch von Freunden gemalte – Bilder, die auf ferne Welten verweisen. Lutz Dieckmann hat sich ein Stück seiner alten Heimat mit in die neue gebracht. Auf 36 Quadratmetern in der Max-Herm-Straße ist ein Hauch Südafrika spürbar.

40 Jahre hat der heute 77-Jährige auf einem anderen Kontinent gelebt, eine mehr als bewegende Vergangenheit hinter sich. Als 19-Jähriger in der DDR sprang er mit seinem Freund eines Tages spontan auf einen Güterzug auf, der ihn in den Westen – nach Marienborn – katapultierte. Britische Soldaten verhören die beiden Männer, die anschließend in ein Flüchtlingslager nach Gießen kamen. Lutz Dieckmann zieht es zwei Wochen später nach Westberlin. Von dort reiste er 1972, weil es Freunde von ihm unbedingt dort hintrieb und es sich für den jungen Mann nach Abenteuer anhörte, nach Johannesburg in Südafrika aus.

Dort arbeitete Lutz Dieckmann bei Siemens in der IT-Abteilung, ging 2003 in den Ruhestand. Heute bezieht er eine bescheidene afrikanische Rente, die unter dem abstürzenden südafrikanischen Rand leidet.

Die Rückkehr nach Deutschland 2015 ist dem Alter geschuldet, macht der Rentner klar. „Ich habe in Südafrika nach und nach viele Leute verloren und mich allein gefühlt“, erzählt er. Lutz Dieckmann möchte zu seiner Familie, zieht zunächst zum älteren Bruder aufs Land nahe Niemegk. „Dort war es mir zu langweilig“, gesteht er aber.

Angespornt von seiner Schwester und einer ihm aus der Jugend bekannten Frau, die ebenfalls im Haus in Hohenstücken wohnt, entscheidet er sich für die Ein-Zimmer-Wohnung in der Platte. „Natürlich vor allem wegen des Preises, aber hier ist alles da, was ich brauche“, sagt Lutz Dieckmann. „Alle Einkaufsmöglichkeiten sind vorhanden, ein Frisur um die Ecke. Ich kann vieles zu Fuß machen oder mit der Bahn rasch ein paar Meter weiterfahren.“

An seiner Wohnung im Erdgeschoss schätzt er die ebenerdige Dusche, mag den großen Wohnraum und vor allem seinen Balkon. „Ohne könnte ich nicht“, so der 77-Jährige, der noch zu DDR-Zeiten Gärtner gelernt hat. Den letzten Frost hat die blühende Pracht zwar nicht überstanden, aber Lutz Dieckmann freut sich, wenn es wieder losgehen kann mit dem Bepflanzen. Bis dato genießt er die winterliche Stille in der Platte, wo kaum ein Laut aus den Nachbarwohnungen dringt. „Ich liebe die Ruhe hier.“

Ist es ihm einmal zu ruhig, ist es auch kein Problem, Anschluss zu finden. „Wenn ich Südafrika erwähne, werde ich viel gefragt. Das öffnet viele Türen und ich habe dadurch Menschen in der Straße kennengelernt“, erzählt Lutz Dieckmann.

So ist er zufrieden mit seinem Leben in der Platte, in dem auch ein Stückchen Südafrika haust. Ganz ist das Land, in dem er den Großteil seines Lebens verbracht hat, natürlich nicht aus seinem Herzen verbannt. „Irgendwann gehe ich wieder dorthin, wo die Sonne scheint, wo das Meer ist … und wo sie Linksverkehr haben“, sagt Lutz Dieckmann lachend.

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